Teil 3 der Reihe
Die Gründung
Herzlich willkommen zum 3. Teil unserer Reise durch die Welt der Fabian Society.
Kurzer persönlicher Kommentar:
Ich war und bin seit vergangenem Samstag im Praxeolog Podcast zu sehen.
▶ Video ansehen (YouTube) oder hier unter „Medien“
Der liebe @BrunoJennrich nannte mich dort einen “Furry”, bis dato wusste ich nicht einmal, was das ist.
Weiterhin meinte er: “...aber so kann ich da nichts glauben”.
Er hat trotz seines herablassenden Kommentars einen Punkt:
Die Geschichte dieser fabianischen Sozialisten ist so unglaublich, dass man sich wünscht, sie sei nicht wahr. Deshalb die Bitte:
Do your own research
Wie immer, sind die Quellen am Ende des Artikels abrufbar.
Los geht´s
Im letzten Artikel besprachen wir noch ziemlich trocken den Aufstieg der Industriellen in den USA, sowie die Gründung der Sciences Po in Paris und das Verbot sozialistischer Parteien in Deutschland. Im heutigen Teil werden wir die Gründung der Fabian Society betrachten.
Ich habe hin- und her überlegt:
Einzelne Themenbereiche darstellen oder bei der Chronik bleiben? Vorerst bleibe ich bei der Chronik, da der zeitliche Verlauf wichtig ist, um die Zusammenhänge zu verstehen.
Wir beendeten den letzten Artikel im Jahr 1882
EnglandMai 1883
Francis Galton (ein Halbcousin von Charles Darwin) bringt erstmals den Begriff „Eugenik“ auf ein Stück Papier.
Bild: Eveleen Myers, 1890er, gemeinfrei – Wikimedia Commons
Dieser Terminus taucht erstmals in seinem Buch „Inquiries into Human Faculty and Its Development“ auf, welches er im Mai veröffentlicht.[1]
Was ist Eugenik?
Eugenik ist die Lehre der positiven Erbanlagen einer Bevölkerung, wobei gezielt beeinflusst werden soll, welche Menschen Kinder bekommen und welche nicht. Eugenik ist en Vogue, ein heißes Thema, neu, spannend und aufregend. Wenn wir Menschen, Tieren und Pflanzen bei natürlicher Anpassung beobachten können, sie züchten und optimieren können, dann können wir das auch bei Menschen. So in etwa dürften viele darüber nachgedacht haben.
Merke dir die Eugenik, sie wird insbesondere in den 1930ern an Relevanz zulegen
24. Oktober 1883
In London wird “The fellowship of the new life” gegründet.
Es handelt sich hierbei um eine utopisch-ethische Bewegung, die die Gesellschaft nicht durch Politik, sondern durch die moralische Vervollkommnung des Einzelnen und ein einfaches, geistiges Leben, dem „Vita Nuova“, reformieren will. Sie drückt die Überzeugung aus, dass eine gerechtere Welt nur entstehen kann, wenn materielle Belange dem Geistigen untergeordnet werden und Menschen durch ihr persönliches Vorbild – etwa durch Gewaltfreiheit, Vegetarismus und Kooperation – den Wandel vorleben.
Wer diese Gruppierung gründet?
Bild: aus William Knight, „Memorials of Thomas Davidson“ (1907), gemeinfrei – Wikimedia Commons
Die treibende Kraft ist der schottische Philosoph Thomas Davidson. Er ist ein charismatischer Gelehrter, der, wenn man so will, eine Art „ethischen Sozialismus“ predigt.
Bild: Fotograf unbekannt, gemeinfrei – Wikimedia Commons
Edward Pease ist unter anderem Börsenmakler und wird später der langjährige Sekretär der Fabian Society. In seinen Privaträumen wird die Fellowship gegründet.
Bild: Fotograf unbekannt, um 1898, ohne bekannte Rechte – Wikimedia Commons
Havelock Ellis: Ein Pionier der Sexualwissenschaften und… Eugenik.
Die beiden führen ab 1891 eine Scheinehe oder sagen wir es moderner, offene Ehe. Direkt nach der Vermählung zieht Havelock in seine Junggesellenwohnung zurück, da Edith offen lesbisch lebt. Sie hatte über die Jahre mehrere Affären. Ihm war das völlig bewusst. Ein durchaus nennenswerter, unkonventioneller und unüblicher Zustand im England des späten 19. Jhdt.
Havelock Ellis selbst wird später in seiner Autobiografie “My Life” bestätigen, mit Edith Ellis nie gemeinsamen Sex gehabt zu haben. Ferner schreibt er, dass er bis zu seiner Heirat mit 32 Jahren Jungfrau gewesen sei. Lies nochmal den ersten Satz, er nennt sich Sexualwissenschaftler.[2]
Percival Chubb: Ein bedeutender Ethiker. Er arbeitete ab 1878 in der Rechtsabteilung des Local Government Board. Er organisierte einige Treffen im Vorfeld und wird auch bei der Gründung der Fabian Society eine Rolle spielen.
Nur wenige Wochen nach der ersten Zusammenkunft der “Fellowship of the new life” kommt es innerhalb der Gruppierung zu einer richtungsweisenden Spaltung:
Der Davidson-Flügel wollte die Welt durch die individuelle moralische Erneuerung und ein einfaches Leben verändern. Davidson ist ethisch und spirituell angehaucht, wodurch er durchaus Anhänger dieser Ansichten gewinnt.
Der Pease-Flügel argumentiert, dass man die Welt nicht durch Gebete oder Ethik ändert, sondern durch die politische und ökonomische Umgestaltung des Staates.
Der Pease Flügel setzt sich durch
Thomas Davidson, der bereits seit 1867 überwiegend in Amerika lebt, kehrt nach der Abspaltung in die USA zurück und gründet in den Adirondack Mountains mit der Glenmore School for the Culture Sciences ein „Kloster für den Geist“. Der gebürtige Schotte fungiert jahrelang als intellektuelles Scharnier zwischen dem Londoner Fabianismus und der amerikanischen Elite. Auf die Glenmore School gehen wir später in der Reihe noch etwas näher ein.
4. Januar 1884
Am Abend erfolgt die Gründung der Fabian Society
17 Osnaburgh Street, Regent’s Park, London
Bild: nach Fabian Society, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; metallisch neu interpretiert
Die Fabian Society ist eine britische intellektuelle Bewegung, die bis zum heutigen Tage besteht. Sie verfolgt das Ziel, den Sozialismus nicht durch eine gewaltsame Revolution, sondern durch schrittweise und graduelle Reformen in Union mit wissenschaftlicher Planung zu etablieren. Ihr Kernprinzip ist die Strategie der „Permeation“ (Durchdringung), bei der Experten und Entscheidungsträger in Verwaltung und Politik systematisch mit sozialistischen Ideen eine Art “Salamitaktik” anwenden, um die Gesellschaft unbemerkt von innen heraus umzugestalten. Dabei setzt die Gruppierung auf die Überlegenheit von Effizienz und staatlicher Organisation gegenüber dem ungesteuerten freien Markt, um eine kollektivistische Sozialordnung zu schaffen.
Wer gründet die Fabian Society?
Bilder: gemeinfrei – Pease, Podmore (1910), Bland (Project Gutenberg) – über Wikimedia Commons
Das Treffen findet erneut in der Wohnung von Edward R. Pease statt – er stammt aus der Quäkerfamilie des “Vaters der Eisenbahn” Edward Pease (1767–1858).
Bei diesem Treffen am 4. Januar sind unter anderem anwesend:
Edward R. Pease: Der Gastgeber[3]
Frank Podmore: Er schlug den Namen “Fabian Society” vor (nach dem römischen General Fabius Cunctator), wie im ersten Artikel besprochen[4]
Hubert Bland: Ein Journalist, der die erste Sitzung leitet, fungiert über Jahrzehnte als Schatzmeister, wobei er die Gruppe durch seine Rolle als einflussreicher Journalist und scharfzüngiger Kolumnist maßgeblich prägt. Im Gegensatz zu vielen seiner eher technokratischen Mitstreiter vertritt er einen robusteren, oft militaristisch und imperialistisch geprägten Sozialismus, der eine starke staatliche Kontrolle als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit sieht.[5]
Wichtig: Die bekanntesten Köpfe, George Bernard Shaw und Sidney Webb, traten erst wenige Monate später (im September 1884 bzw. März 1885) bei, prägten die Gruppe aber so schnell und massiv, dass sie oft fälschlicherweise als die alleinigen Gründer genannt werden.
Bilder: gemeinfrei – Shaw (veröffentlicht in „The Star“, 1889), Webb (Elliott & Fry, 1894) – über Wikimedia Commons
1887
“Socialism and Sex” - Karl Pearson
Dieses Werk wurde erstmals im Februar 1887 veröffentlicht [6]
Im selben Jahr erhält Karl Pearson, der im Jahr 1911 Nachfolger von Francis Galton im Labor für Eugenik wird, einen Brief von Sidney Webb.
Betreffend Pearsons Aufsatz „Sozialismus und Sex“ und seine Bemerkungen darüber, dass der gegenwärtige Sozialismus anti-malthusianisch sei:
„Wir dürfen nicht zulassen, dass die breite Masse der Bevölkerung den Eindruck gewinnt, Sozialismus sei ‚gegen‘ die Wissenschaft, selbst wenn es sich nur um Wirtschaftswissenschaft handelt. Ich für meinen Teil bin Sozialist, weil ich Ökonom bin.“[7]
“We must not let the great mass of the people get the notion that Socialism is ‘against’ science, even if only economic science. I, for one, am a Socialist because I am an economist.”
Karl Pearson war hervorragend mit der Fabian Society vernetzt. Er war nicht nur ein zeitgenössischer Wegbegleiter, sondern teilte die grundlegende Philosophie der Fabian Society: Die wissenschaftliche Planung der Gesellschaft durch eine Expertenelite.
Pearson wurde der erste Galton Professor für Eugenik am UCL.[8]
Die Fabier (insbesondere Shaw und H. G. Wells) sahen Pearsons statistische Beweise für die „Verschlechterung des Volkskörpers“ als Rechtfertigung für staatliche Eingriffe in die Fortpflanzung und Erziehung.[9][10]
Bild: Fotograf unbekannt, 1910, gemeinfrei – Wikimedia Commons
Fazit
Reicht für heute… Wir halten fest: Die Fabian Society geht aus der “fellowship of the new life” hervor. Mitglieder interessieren sich für das Thema Eugenik und Pädagogik, um Menschen “anzufertigen”, die bestens in einen staatlichen, Top-Down-Plan passen.
Im kommenden Artikel beschäftigen wir uns mit einem deutschen “Sozialdemokraten” , der engste Kontakte zur Fabian Society pflegte, ihre Ideen nicht nur teilte, sondern auch exportierte.
Quellen
- Francis Galton: Inquiries into Human Faculty and Its Development (1883), galton.org (PDF)
- Havelock Ellis: My Life. Autobiography of Havelock Ellis (Internet Archive), S. 203
- Encyclopaedia Britannica: Edward Reynolds Pease
- Spartacus Educational: Frank Podmore
- Spartacus Educational: Hubert Bland
- University of Illinois Digital Library: Karl Pearson, „Socialism and Sex“
- UCL Special Collections: Brief von Sidney Webb an Karl Pearson (1887), PEARSON/1/6/37
- UCL: Eugenics Town Hall 2 – Präsentation (PDF, 2025)
- George Bernard Shaw: Vortrag vor der Eugenics Education Society, London, 3. März 1910
- H. G. Wells: Anticipations of the Reaction of Mechanical and Scientific Progress upon Human Life and Thought (1901), Kap. 9 „The Life in the New Republic“